Welche Nutzung trägt diese Fläche?

Ein Leitfaden für Eigentümer, Verwaltungen und Quartiervereine — bevor die Fläche ausgeschrieben wird

SpotScore · Ratgeber · Lesezeit rund 11 Minuten


1. Die Frage, die vor dem Inserat kommt

Wir haben in den letzten Wochen Eigentümer, Verwaltungen und Quartierorganisationen in der ganzen Deutschschweiz eine einzige Frage gestellt: Woran entscheiden Sie, welche Nutzung Sie für eine frei werdende Gewerbefläche suchen? Drei Antworten kamen unabhängig voneinander und sagen im Kern dasselbe.

Eine Stiftung, die in Zürich selbst Gewerberäume vermietet, beschreibt ihren Entscheid so:

«Bei einer Ausschreibung berücksichtigen wir bevorzugt kleinere Gewerbetreibende. Häufig haben wir nicht eine allzu grosse Auswahl und überlegen uns, was in unser Haus passt, welchen Mehrwert für das Quartier geschaffen werden kann und ob das Konzept auch nachhaltig erfolgreich sein könnte.»

Drei Kriterien in einem Satz — und keines davon wird gerechnet. «Was passt ins Haus» ist Erfahrung. «Mehrwert fürs Quartier» ist ein Urteil. «Nachhaltig erfolgreich» ist eine Prognose über einen Betrieb, den es an dieser Adresse noch gar nicht gibt.

Ein Berater, der Gastronomiebetriebe bei der Standortsuche begleitet, beschreibt dieselbe Lücke von der anderen Seite: Verwaltungen fragen bei ihm an, ob er jemanden für eine Fläche kenne — und zwar erst dann, wenn sie selbst niemanden gefunden haben. Und eine Quartierorganisation, die ab Januar ein City-Management für eine Altstadt aufbaut, sagt es am direktesten:

«Wir haben aktuell keine Zahlen, keinen Leitfaden für sinnvolle EG-Nutzung o.ä.»

Drei Stimmen, ein Befund: Die Entscheidung über die Nutzung einer Erdgeschossfläche wird fast überall ohne Zahlen getroffen — nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die Zahlen nirgends zusammengetragen sind. Dieser Text zeigt, welche vier Grössen eine Fläche tragen, wie man von der Miete rückwärts auf die mögliche Nutzung rechnet, und an welchen Stellen unsere eigenen Werte belegt sind und an welchen sie Annahmen bleiben.

2. «Passt» ist kein Kriterium, solange es nicht gerechnet ist

Die drei Fragen oben sind richtig gestellt. Das Problem ist nicht die Frage, sondern dass sie unbeantwortbar bleibt, solange sie aus dem Bauch entschieden wird. Übersetzen wir sie in etwas Nachrechenbares:

  • «Was passt ins Haus» heisst betriebswirtschaftlich: Welche Nutzung erreicht an dieser Adresse einen Umsatz, der die verlangte Miete trägt?
  • «Mehrwert fürs Quartier» heisst: Welche Angebote fehlen im Umkreis — und zwar nicht gefühlt, sondern gezählt?
  • «Nachhaltig erfolgreich» heisst: Bleibt die Mietquote dieses Betriebs auch dann im tragbaren Bereich, wenn der Umsatz nicht der optimistischen, sondern der vorsichtigen Schätzung folgt?

Alle drei übersetzten Fragen haben eine Gemeinsamkeit: Sie brauchen dieselben vier Grössen.

3. Die vier Grössen, die eine Fläche tragen

Was eine Erdgeschossfläche wirtschaftlich hergibt, hängt von vier Dingen ab. Drei davon sind messbar, das vierte ist eine Bandbreite aus publizierten Branchenzahlen.

3.1 Frequenz — wie viele Menschen kommen überhaupt vorbei

Der Unterschied zwischen zwei Adressen in derselben Stadt ist grösser, als die meisten schätzen. Zwei reale Messungen aus Zürich, beide im September 2026 erhoben, beide mit einem Café als angenommener Nutzung:

AdresseNächste ZählstellePassanten pro TagKonkurrenz in 300 m
Löwenstrasse 55, 8001 Zürich151 m entfernt6'88233 Betriebe
Militärstrasse 84, 8004 Zürich279 m entfernt67711 Betriebe

Woher diese Zahlen stammen und was sie nicht sagen. Die Passantenzahlen sind Messwerte der städtischen Zählstellen, keine Schätzung von uns. Aber sie werden an der Zählstelle gemessen, nicht vor der Ladentür: 151 beziehungsweise 279 Meter entfernt. Je weiter die Zählstelle weg ist, desto ungenauer wird die Übertragung auf die Fläche — deshalb steht die Distanz in der Tabelle und nicht im Kleingedruckten. Die Konkurrenzzahlen stammen aus OpenStreetMap und zählen erfasste Betriebe; ein Lokal, das dort nicht eingetragen ist, fehlt auch bei uns.

Der Faktor zwischen den beiden Adressen ist rund zehn. Eine Nutzung, die an der einen Adresse trägt, kann an der anderen rechnerisch unmöglich sein — bei identischer Quadratmetermiete.

3.2 Konkurrenz und Lücken — was es schon gibt und was fehlt

«Mehrwert fürs Quartier» wird meist als Geschmacksfrage behandelt. Sie ist es nur teilweise. Zählbar ist: wie viele gleichartige Betriebe im Umkreis liegen, wann sie geöffnet haben und welche Bedarfe zeitlich unbesetzt bleiben. Eine Fläche in einem Umkreis mit 33 Gastrobetrieben braucht ein anderes Argument als eine mit elf — und eine Strasse, an der ab 18 Uhr alles zu ist, hat eine andere Lücke als eine, an der niemand vor 10 Uhr öffnet.

Diese Lücken sind der einzige Teil von «Mehrwert fürs Quartier», der sich belegen lässt. Der andere Teil — ob ein Angebot dem Quartier gefällt — bleibt ein Urteil, und das soll es auch bleiben. Nur sollte es auf der belegbaren Hälfte aufsetzen.

3.3 Kaufkraft im Einzugsgebiet

Wie viel die Menschen im Einzugsgebiet ausgeben können, entscheidet mit darüber, welches Preisniveau eine Nutzung an dieser Adresse durchhält. Diese Grösse stammt aus öffentlicher Statistik und gilt für ein Gebiet, nicht für eine Strassenseite. Sie taugt zur Einordnung, nicht zur Feinsteuerung — und wir geben sie deshalb immer mit ihrem Gebietsbezug an, nie als Zahl «für diese Adresse».

3.4 Die tragbare Mietquote je Nutzung

Die vierte Grösse ist keine Messung, sondern eine Bandbreite: Welcher Anteil vom Umsatz darf überhaupt in die Miete gehen, damit ein Betrieb dieser Art bestehen kann? Sie unterscheidet sich stark je nach Nutzung, weil der Wareneinsatz sehr unterschiedlich ausfällt.

NutzungTragbare MietquoteStatus der Zahl
Restaurant6–10 %hergeleitet
Café / Kaffeebar10–15 %hergeleitet
Bäckerei / Patisserie / Confiserie10–15 %hergeleitet
Detailhandel (Non-Food)6–12 %hergeleitet
Coiffeur / Kosmetik8–13 %Annahme
Wäscherei / Textilpflege6–11 %Annahme

Die Statusspalte ist uns wichtiger als die Zahlen selbst:

  • hergeleitet — wir haben die Bandbreite aus publizierten Schweizer Kostenstrukturen abgeleitet. Für die Gastronomie aus dem Branchenspiegel GastroSuisse 2026 (Wareneinsatz Küche 29,9 % des Umsatzes gegenüber 8,1 % bei Getränken) und der gängigen Branchenfaustregel von 8–12 %; für den Detailhandel aus der BAKBASEL-Studie im Auftrag der Swiss Retail Federation zur Kostenstruktur 2014. Abgeleitet heisst: die Quelle nennt die Kostenstruktur, die Mietbandbreite haben wir daraus errechnet.
  • Annahme — unsere eigene Arbeitshypothese. Eine publizierte Schweizer Zahl haben wir nicht gefunden. Die Bandbreite ist aus der Kostenstruktur plausibel begründet, aber sie ist nicht belegt, und wir schreiben das hin, statt sie wie einen Branchenwert aussehen zu lassen.

Die Herleitung im Detail steht im ausführlichen Ratgeber «Wie viel Miete verträgt Ihr Standort?». Dort ist auch erklärt, warum es eine Quote sein muss und kein Frankenbetrag.

4. Rückwärts rechnen: von der Miete zur möglichen Nutzung

Jetzt lässt sich die Eingangsfrage beantworten. Man rechnet nicht vorwärts («welcher Mieter meldet sich»), sondern rückwärts — von der Miete über den nötigen Umsatz zur Nutzung, die ihn erreichen kann.

Nehmen wir eine Fläche mit einer Bruttomiete von CHF 4'500 pro Monat — Nettomiete plus Nebenkosten, also das, was der Betrieb tatsächlich überweist.

NutzungTragbare QuoteNötiger Monatsumsatz
Restaurant6–10 %CHF 45'000 – 75'000
Café / Kaffeebar10–15 %CHF 30'000 – 45'000
Detailhandel (Non-Food)6–12 %CHF 37'500 – 75'000
Coiffeur / Kosmetik8–13 %CHF 34'600 – 56'250

Die Tabelle ist reine Division: CHF 4'500 geteilt durch die Quote. Sie enthält keine Prognose und keine Annahme über den Standort — sie sagt nur, welchen Umsatz jede Nutzung erreichen muss, damit die Miete nicht zum Problem wird.

Der interessante Schritt ist der nächste: Ist dieser Umsatz an dieser Adresse erreichbar? Für das Café an der Löwenstrasse mit 6'882 Passanten pro Tag ist ein Monatsumsatz von CHF 35'000 eine plausible Annahme — die Mietquote läge bei 12,9 % und damit mitten in der Bandbreite. An der Militärstrasse mit 677 Passanten pro Tag wäre derselbe Umsatz eine sehr optimistische Annahme; bei CHF 25'000 läge die Quote bei 18,0 % und damit deutlich über dem, was ein Café trägt.

Was daran gemessen ist und was nicht: Die Passantenzahlen sind gemessen. Die Miete von CHF 4'500 und die Umsätze von CHF 35'000 beziehungsweise CHF 25'000 sind Annahmen für dieses Rechenbeispiel — realistische, aber Annahmen. Setzen Sie Ihre eigenen Zahlen ein — die Rechnung bleibt dieselbe.

Damit ist aus «was passt ins Haus» eine beantwortbare Frage geworden: An der einen Adresse trägt ein Café die Fläche, an der anderen müsste es eine Nutzung mit höherem Umsatz pro Besucher sein — oder eine, die gar nicht auf Laufkundschaft angewiesen ist.

5. Drei Fehlschlüsse, die Flächen leer stehen lassen

«Der letzte Mieter war ein Café, also suchen wir wieder ein Café»

Der häufigste Kurzschluss. Dass die letzte Nutzung dort war, sagt nichts darüber, ob sie getragen hat — im Gegenteil: Wenn der Betrieb ausgezogen ist, ist das eher ein Argument dagegen. Die Frage ist nicht, was zuletzt drin war, sondern welcher Umsatz an dieser Adresse erreichbar ist und welche Nutzung ihn mit ihrer Kostenstruktur erreicht.

«Wir haben wenig Auswahl, also nehmen wir, wer sich meldet»

Genau die Situation, die die Stiftung oben beschreibt: nicht allzu grosse Auswahl. Der Reflex ist verständlich und teuer. Ein Mieter, der die Miete rechnerisch nicht trägt, ist kein gewonnener Franken, sondern ein Leerstand in ein bis drei Jahren — plus Suche von vorn, plus Ausbaukosten, plus die Monate dazwischen. Wenig Auswahl ist ein Grund, die eine Bewerbung genauer zu prüfen, nicht ungeprüft zuzusagen.

«Marktüblich ist marktüblich»

Eine Miete, die dem Quartierdurchschnitt entspricht, kann für den konkreten Betrieb an der konkreten Adresse trotzdem untragbar sein — weil der Durchschnitt über Adressen mit sehr unterschiedlicher Frequenz gebildet wird. Der Faktor zehn aus Abschnitt 3.1 tritt innerhalb derselben Stadt auf, teilweise sogar innerhalb desselben Kreises.

6. Was Leerstand tatsächlich kostet

Diese Rechnung wird selten aufgeschrieben, obwohl sie einfach ist. Bei einer Bruttomiete von CHF 4'500 kostet jeder Monat Leerstand CHF 4'500 an entgangenen Einnahmen — Ausbau, Inserate und Verwaltungsaufwand nicht gerechnet.

Sechs Monate Leerstand entsprechen damit CHF 27'000. Eine um zehn Prozent tiefere Miete, die dafür von Anfang an getragen wird, kostet CHF 450 im Monat — es dauert also fünf Jahre, bis sie denselben Betrag ausmacht wie ein halbes Jahr Leerstand.

Das ist bewusst reine Arithmetik und keine Empfehlung. Wir sagen nicht, dass Sie die Miete senken sollen; wir sagen, dass beide Zahlen auf dieselbe Waage gehören, bevor entschieden wird. Wie lange eine Fläche im konkreten Fall leer steht, wissen wir nicht — das hängt an Lage, Zuschnitt und Markt und wird von uns nicht geschätzt.

7. Was Sie selbst prüfen können

Drei Dinge lassen sich ohne uns und ohne Kosten nachschauen, bevor Sie eine Fläche ausschreiben:

  1. Läuft vor der Tür eine bewilligte Baustelle? Eine Baustelle über mehrere Monate verändert die Frequenz und damit jede Umsatzannahme. Alle bewilligten Arbeiten im Umkreis von 150 Metern zeigt Ihnen die kostenlose Adressprüfung, mit Datum und amtlicher Quelle.
  2. Welchen Umsatz verlangt Ihre Mietvorstellung? Die Division aus Abschnitt 4 macht der Mietzins-Umsatz-Check für Ihre Zahlen — ohne Anmeldung.
  3. Wie sieht die Nachbarschaft der Adresse tatsächlich aus? Zählen Sie die gleichartigen Betriebe im Umkreis und notieren Sie deren Öffnungszeiten. Das ist eine Stunde Arbeit und beantwortet den belegbaren Teil der Frage nach dem Mehrwert fürs Quartier.

Wenn Sie diese drei Schritte für eine konkrete Fläche nicht selbst machen wollen, übernehmen wir sie: für Eigentümer und Verwaltungen stellen wir die vier Grössen aus Abschnitt 3 für eine Adresse zusammen, mit Quellenangabe je Zahl und mit dem Vermerk, wo eine Zahl eine Annahme ist.

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